Orwells Doppeldenk und die Werte des Westens

Vor hundert Jahren waren es Zivilisation, Christentum und Wissenschaft, die den Westen anderen Bewohnern der Erde (in seiner eigenen Wahrnehmung!) überlegen machte. Heute sehen viele diese kolonial-imperialistische Haltung als überholt, ohne zu merken, dass sie die genau gleiche Überlegenheits-Philosophie weiterführen nur mit anderen Werten. Das Christentum gilt nicht mehr als Ausdruck der Überlegenheit. Es sind heute Vorstellungen von Universalität, die massiv kulturell gefärbt sind, aber nicht als solche erkannt werden: Unsere universellen Werte gegenüber den veralteten, abergläubischen, religiös gefärbten, mittelalterlichen Vorstellung der Anderen insbesondere natürlich gegenüber den Muslimischen Völkern. Es ist normalerweise sehr schwierig, Westler, die nicht längerfristig in anderen Kulturen gelebt haben, zu erklären, dass Vorstellungen von Universalität kulturell verschieden sind (und daher Vorstellungen sind) und dass der Islam als genauso universell gesehen werden kann wie Logik oder Philosophie.

Die Vorstellung, den Kolonialismus resp. die ihr zu Grunde liegende Philosophie überwunden zu haben und gleichzeitig eine neue Philosophie zu predigen, die sich wiederum Überlegenheit anmasst, ist das erste Doppeldenk.

Nach Frankreichs Bekenntnis zu Pressefreiheit sollte man denken, dass niemand verhaftet wird, weil er etwas “Unanständiges” sagt. Weit gefehlt, sogar wer im Suff “Terrorismus verherrlicht”, kommt ins Gefängnis1. Das groteskeste Urteil bezieht sich auf die folgende Karikatur:

ch1
Ein 16 Jähriger wurde verfolgt, weil er besagtes Bild auf Facebook veröffentlichte. Es ist eine Abwandlung dieser Charlie Hebdo Titelseite2.

ch2
Kommentar überflüssig – das zweite Doppeldenk.

Wenn Pressefreiheit universal gilt, so müsste auch die Bombardierung der Serbischen TV Station, von Al Jazeera in Kabul 2001 oder der Libyschen Fernsehanstalt in 2011 durch die NATO verurteilt werden3. Hier waren die Reaktionen jedoch sehr verhalten. Natürlich kann argumentiert werden, dass ein Massaker in Frankreich für Frankreich zentraler ist als eine bombardierte Fernsehstation in Afghanistan. Dennoch bleibt für die Opfer die Einsicht, dass es eben Menschen erster und Menschen zweiter Klasse gibt. Solange die Gewichtungen so einseitig sind im Falle von US Staatsterrorismus ein kurzes Bedauern, im Falle von islamistisch motiviertem Terror “ein Angriff auf unsere Zivilisation” müssen wir uns nicht wundern, dass Menschen muslimischen Glaubens sich benachteiligt und ausgegrenzt fühlen. Die selektive Entrüstung über Angriffe auf die Pressefreiheit – Doppeldenk Nr. 3.

Wie tief unser Doppeldenk in unserem Bewusstsein verankert ist, findet sich u.a. im Artikel Infame Figuren von Rainer Stadler in der NZZ vom 8. Januar 2015. In der Einleitung zum Artikel schreibt Stadler, dass der Angriff auf Charlie Hebdo mit den Mitteln des Rechtsstaates gesühnt werden [muss]– und nur mit diesen”. Ich kann nicht genug betonen, wie fest ich damit übereinstimme.

Dann jedoch folgt eine Ansammlung von Aussagen und Formulierungen, die zeigen, wie sehr wir zweierlei Mass anwenden – Doppeldenk – Westen vs. Islamisten:

können wir hier in Europa den Terroristen beweisen, …”

Terrorist” ist ein Propagandabegriff. “Den Terroristen” können wir gar nichts beweisen, da es sie so nicht gibt. Es gibt nur Menschen, die sich aus irgendwelchen Gründen Traumata, lieblose Kindheit, Ausgrenzung, wirtschaftliche Benachteiligung, Aufwachsen in Krieg, Fanatisierung (ein Prozess!), etc. zu fanatischen Taten und Gewalt hinreissen lassen. Es ist dieses Konzept des “Prototerroristen”, die so gefährlich ist. Denn sie sieht keine Menschen und Ursachen, sondern den Terroristen als per se existent, quasi als Spezies. Die Ursachen, genauer der Nährboden für Extremisierung, werden übersehen (koloniale Geschichte Europas bis zum Irak Krieg).

Das Doppeldenk zeigt sich an Breiviks Attentat 2011 in Norwegen: Da wurden Fragen gestellt, wo unsere Gesellschaft versagt hat, wie Menschen zu solchen Taten fähig werden (Betonung auf werden, i.e. ein Prozess). Im Falle “des Terroristen” ist die Frage überflüssig. Die “Spezies” erklärt die Handlung.

Diese [Attentäter] kennen nur die Masslosigkeit des Absoluten.

Jede Religion befasst sich mit dem Absoluten und das Absolute muss nicht masslos sein. Was der Autor wohl beschreiben möchte, ist eine fanatische Masslosigkeit, die aber nicht im Absoluten wurzelt, sondern in der Psyche des Täters. Unsere „absoluten Wertvorstellungen“, die wir anderen aufzwingen, bleiben unhinterfragt … (siehe oben).

Sie wollen vormoderne Verhältnisse, in denen ein paar wenige angeblich Auserwählte glauben, das Recht zu haben, ihre Meinungen mit allen ihnen genehmen Mitteln gegenüber andern durchsetzen zu können.[…] Sie wollen abweichende Meinungen mit Bomben und Gewehren vernichten.”

Als eine“City on a hill” und im Licht des “American exceptionalism” sehen die USA ihre Position in der Welt (i.e. „Auserwählte“). Dass die USA glauben, das Recht zu haben, ihre Meinungen mit allen ihnen genehmen Mitteln gegenüber andern durchsetzen zu können …, zeigt u.a. der Irakkrieg (falsche Beweise, Missachtung der UN, „old Europe“). Es ist wieder ein Doppeldenk, dass wir das Totalitäre und Kompromisslose nur auf der einen Seite sehen und die gleichen Attribute in der alltäglichen US Aussenpolitik gänzlich übersehen.

Ja, sie [die „Terroristen“] nehmen vermehrt Journalisten direkt ins Visier.”

Glen Greenwald, Wikileaks, Julian Assange, Edward Snowden, die absichtliche Bombardierung von TV Stationen durch die NATO, der Krieg gegen Whistleblowers in den USA, der „Krieg gegen Journalisten“4

… dass die Massenmedien, so mangelhaft ihre Leistungen immer wieder sind, den öffentlichen Diskurs zu mässigen und zu zivilisieren vermögen.”

Zivilisieren in dem Sinne, dass wir die Zivilisation vertreten und die anderen Barbaren sind. Auch dieser NZZ Artikel wiederholt und verstärkt Stereotypen und festigt die Idee der moralischen Überlegenheit des Westens.

Der Angriff auf «Charlie Hebdo» ist darum ein Angriff auf unsere Zivilisation.

Es handelt sich um ein Verbrechen und muss “mit den Mitteln des Rechtsstaats gesühnt werden”. Die Ursachen der Radikalisierung liegen in der Geopolitik der letzten Jahrzehnte, der Islamophobie und der Dämonisierung der Islams in den Medien, der fehlenden Verantwortlichkeit der USA bezüglich ihrer Kriegsverbrechen und der mangelnden Integration der muslimischen Franzosen innerhalb Frankreichs. Der Abschluss des Artikels, der mit „Angriff auf unsere Zivilisation.“ endet, wird „den öffentlichen Diskurs nicht mässigen und zivilisieren“, sondern verstärkt das Stereotyp und Bild der moralischen Überlegenheit des Westens.

Solange der Westen dieses Doppeldenk erkennt und überwindet, solange die USA de facto über dem Gesetz stehen und internationales Recht nach Belieben brechen können ohne Folgen, solange wird es Menschen geben, die in fanatischen Taten den einzigen Ausweg sehen.

Hoffen wir, das eines Tages internationales Recht für alle gilt.

***

2Wenn ich diese Karikatur richtig deute, machte sich Charlie Hebdo über die Muslime lustig, die vom jetzigen Ägyptischen Regime an Demonstrationen erschossen wurden, i.e. die Muslimbrüder sollen derart fundamentalistisch sein, dass sie dachten, der Koran schütze sie vor Gewehrkugeln. In Anbetracht, dass die Muslimbrüder im Gegensatz zur vorhergehenden (Mubarak) und neuen Regierung (Sissi) demokratisch legitimiert waren und dass es sich tatsächlich um ein Massaker handelt, empfinde ich die Aussage dieser Karikatur als unangemessen.

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