Ohne Liebe geht es nicht

Kommentar zu Europa braucht Respekt, keine Liebe von Michael Hermann, Tagesanzeiger vom 28. Juli 2015

Die Europäische Union hat in diesem heissen Sommer etwas zurückgewonnen, was weit schwerer wiegt als die ihr geräuschvoll entzogene Liebe: Respekt.“

Eine derartige Verachtung demokratischer Grundwerte, Recht auf Selbstbestimmung und einer auf Werten basierenden Gemeinschaft habe ich lange nicht mehr gelesen.

So diffamiert Hermann die basisdemokratische Abstimmung über die Sparmassnahmen in Griechenland im Juni als kollektiven Rausch demokratischer Empörung“, in den sich die Griechen „hineingesteigert“ hätten. Für einen Schweizer der „solche Räusche“ mehrmals jährlich zelebriert, eine doch eher abstruse Perspektive.

Wenn der Autor schreibt, dass das „griechische Fieber [..] an den Aktien- und Devisenkursen Europas kaum Spuren hinterlassen“ hat und dadurch das Immunsystem des Euro gestärkt wurde, dabei jedoch das Leiden der Griechischen Bevölkerung völlig übergeht, darf man sich fragen, ob mit mit „handfesten Interessen“, die Europa leiten sollen, nicht ausschliesslich neoliberale Gewinnmaximierung gemeint ist.

Die EU, die beschwichtigt, toleriert und integriert [.. ] und dabei wie alle allzu weichen Autoritäten stets etwas mehr an Respekt verloren“ hat, darf gemäss Autor „den Griechen dankbar sein“, dass der Brüsseler Wohlfühlsprech […]einer klaren Ansage gewichen ist“. Wenn wir die neuen Machterweiterung der Troika in Griechenland anschauen, der nun jeder Gesetzesentwurf vorgelegt werden muss bevor das Parlament darüber entscheiden kann – i.e. eine Aufhebung der Souveränität des Landes – steht klare Ansage wohl euphemistisch für diktatorische Macht unter Deutscher Führung.

Mit der Wortwahl ‘Respekt‘ gelingt Hermann das Kunststück, einen de facto coup d’état als Errungenschaft darzustellen. Die schwache EU verschafft sich mit der Griechenlandkrise Respekt, der ihr so lange gefehlt hat. Die gänzlich undemokratischen Vorgehensweisen werden damit kaschiert, mehr noch, die Verfehlung wird als Tugend gepriesen. Die gleiche Taktik verwendet Hermann im Einlenken Griechenlands – als ob der griechischen Regierung eine passable Alternative zur Verfügung gestanden hätte.

Gemäss Hermann besteht die Existenzberechtigung der EU darin, “Wohlstand und Sicherheit in Europa zu schaffen”. Dem kann ich voll und ganz zustimmen. Der Wohlstand muss aber auch die unteren 99% in Griechenland erreichen.

Die “handfesten Interessen” Europas dürfen nicht auf die Interessen einer kleinen Oberschicht (1) reduziert werden. Ohne Liebe zum europäischen Friedensprojekt“ und „die Hoffnung auf ein basisdemokratisches Europa“ ist das Europäische Projekt wertlos. Nur eine auf Idealen basierende EU, in der Demokratie, Menschenrechte, Solidarität und das Recht auf Selbstbestimmung keine Fremdwörter sind, kann Frieden, Sicherheit und Wohlstand für alle bringen. Diese Ideale basieren diametral zur Meinung Hermanns – auf (Nächsten-)Liebe!

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