Standhaft auch in Krisen

Kommentar zu Uri Russaks Beliebte Quelle für radikale Israel-Kritiker, https://www.journal21.ch/beliebte-quelle-fuer-radikale-israel-kritiker

Nach dem schrecklichen Terrorakt vor zwei Wochen ist das „Pro-Israel“ Lager darauf bedacht, das ramponierte Image wieder zurecht zu biegen. Terror, von jüdischer Seite begangen, von fanatischen Gruppierungen und nicht durch die IDF, gefährdet das Bild der „Villa im Dschungel“, in der die zivilisierte Welt (Israel) von Terroristen umgeben, immer nur in Selbstverteidigung handelt, das Bild, in der „die Terroristen“ immer Araber sind.

Die Klischees müssen wieder hergestellt werden. So verwundert Russaks Artikel nicht gross.

Zum Artikel

Die Einleitung soll uns suggerieren, dass alle Israelkritiker lediglich eine Quelle haben und diese soll tendenziös sein. Dies nehme ich als Gelegenheit, auf einige Quellen zu verweisen: Btselem, ICAHD, IOA, 972mag.org, Yesh Din, Rabbis for Human rights, etc.

Eine Liste findet sich hier: http://piquestions.com/links.php?show=all

Wenn Russak die “geretteten Nepalesen” erwähnt, um das Argument der moralischen Heuchelei“ der Israelischen Armee im Nepaleinsatz zu entkräften, so fragt es sich, ob Russak die sozialen Errungenschaften der Hisbollah im Libanon oder der Hamas in den besetzten Gebieten ähnlich positiv betrachtet — insbesondere in Anbetracht, dass der Einsatz in Nepal ca. 0.1% der Dienstaktiven umfasste und nur drei Wochen dauerte. Das „Erdbeben“, das letzten Sommer Gaza erschütterte, dauerte sieben Wochen und über 80’000 Reservisten wurden dafür eingezogen …1

Um die moralische Überlegenheit der Israelis (israelische Araber ausgenommen) aufzuzeigen — den „wesentlichen Unterschied der öffentlichen (und privaten) Empathie auf jüdischer und palästinensischer Seite“ — , verweist Russak auf die Demonstrationen des Entsetzens und der Solidarisierung mit den Opfern“ in Israel hin. Verbal mag dies ja zutreffen, bei genauerer Betrachtung ist die „Solidarisierung“ jedoch weitgehend heisse Luft. Denn die israelische Gesellschaft ist blind geworden. Blind für die eigenen Verbrechen. Wenn Levy in seinem Artikel in Haaretz2 auf Gaza hinweist und fragt, „what’s the difference between lobbing a fire bomb and dropping a bomb?“3 trifft er damit genau den Punkt: Der Staatsterrorismus, der langjährige Terror der Israelischen Armee — im Ausmass ein Vielfaches dessen, was verrückte Siedler anstellen — wird von der Bevölkerung nicht wahrgenommen. Den Gaza-Krieg 2014 gibt es nicht, die 500 getöteten – verbrannten – Kinder sind keine Terroropfer, sie zählen nicht, sie sind moralisch inexistent. Terror sind immer die anderen.

Um die moralische Überlegenheit noch weiter zu zementieren, verweist Russak auf „palästinensischen Baby-Killer“, die Pensionen erhalten und „die Killer“, die als Helden gefeiertwerden. Die Terroristen, die im eigenen Land gefeiert werden, sieht er nicht4 (von den israelischen Airforce Pilot_innen, die Pensionen bekommen, ganz zu schweigen).

Wenn Russak meint, dass Arabisch und palästinensische Freunde eine Grundvoraussetzung für das Verständnis der Sachlage sind, frage ich mich, wie viele seiner Quellen denn diese Voraussetzung erfüllen. Falls keine seiner Quellen diese erfüllen, empfehle ich u.a. Ilan Pappé – als Anfang. Zeit zum Lesen hat er ja nach Kündigung von Haaretz …

Gideon Levy wird in Israel derart angefeindet, dass es schlicht bewundernswert ist, dass er weiter in Israel lebt und schreibt.5 Im Gegensatz zu anderen kritischen Stimmen wird Levy im Krisenfalle nicht durch die Massenmeinung fortgerissen. Auch wenn 99% der Israeli ein weiteres Gazamassaker gutheissen, so schreibt Levy dagegen an und kippt nicht um wie andere (cf. https://thieblog.wordpress.com/2014/08/10/washed-away/). Auch Uri Averny hält den Druck der Massen seit 50 Jahren aus und weicht in Demonstrationen auch dann nicht zurück, wenn rechter Pöbel ihn bespuckt.

Ihnen gebührt unser Respekt.

***

11’600 Menschen wurden gemäss Poster (https://www.idfblog.com/blog/2015/04/27/israelinnepal/) in Nepal durch die IDF behandelt. Gegenüber den über 10’000 Verwundeten und 2’000 Toten letzten Sommer in Gaza allein, fragt es sich, ob eine Vermeidung von Opfern nicht effizienter wäre …

2Gideon Levy, All Israelis are guilty of setting a Palestinian family on fire, http://www.haaretz.com/beta/.premium-1.669005

3„When the killing of 500 children in the Gaza Strip is legitimate, and doesn’t even compel a debate, a moral reckoning, then what’s so terrible about setting a house on fire, together with its inhabitants? After all, what’s the difference between lobbing a fire bomb and dropping a bomb? In terms of the intention, or the intent, there is no difference. „, ibid.

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One thought on “Standhaft auch in Krisen

  1. Mein Kommentar zum Artikel von Uri Russak war:

    Eine weitere Israelkritikerin neben Amira Hass, Uri Avnery und Moshe Zimmermann ist Evelyn Hecht-Galinski. Hier ihr Artikel:
    „Jüdische Rohrkrepierer als Ablenkungsmanöver!“
    http://sicht-vom-hochblauen.de/juedische-rohrkrepierer-als-ablenkungsmanoever/

    Es dauerte keine Minute und mein Kommentar war wieder gelöscht.

    Ich stelle fest, dass in der Schweiz die Einschränkung der Meinungsfreiheit merklich zunimmt.

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