Echte Werte

Andersgläubige müssen konvertiert werden, Punkt.”

Gerade diese unliberalste von allen Haltung wird von vielen angeblich Liberalen und sich für fortschrittlich Haltenden eingenommen: Meine Interpretation des Islams (resp. Religion) ist die einzig Richtige und alle haben sich danach zu richten.” Frauen muss man Hände schütteln, Kopftücher dürfen nicht getragen werden, etc. (irgendwann kommt die Bikinipflicht …)

Was Demokratie, i.e. eine offene Gesellschaft auszeichnet, ist doch gerade die Vielfalt der Ansichten und Meinungen, i.e. die Meinungs- und Religionsfreiheit. Es gibt eben nicht die einzig richtige Auslegung einer Religion. Wenn Frau Saïda Keller-Messahli im TA sagt, dass “[…] hier eine Forderung gestellt wird [Verzicht auf Händeschütteln], die religiös nicht zu begründen ist, weil im Koran nichts dergleichen steht, und die rein politischen Charakter hat.”1, so ist dies ausschliesslich ihre persönliche Meinung, — die sie wohl auch mit vielen anderen teilt und worauf sie ein Recht hat,  — als Masseinheit wie der Islam hier zu leben ist, ist diese Meinung nicht verbindlich. Denn  die Art und Weise, wie ich eine Religion gelebt wird, unterliegt der Selbstbestimmung des Einzelnen. In anderen Worten, jeder ist zu einer eigenen Meinung zum Koran und dessen Auslegung berechtigt und darf selber entscheiden, wie sie diese Auslegung lebt. Dies ist Religionsfreiheit.

Die Auslegung ist jeder und jedem selbst überlassen. Der mündige Bürger, die selbstbestimmte Demokratin, entscheidet selber, welche Kleider sie anzieht, wem er die Hand schüttelt, welche Speisen sie zu sich nimmt …

Ich habe meine eigene Meinung und darauf habe ich ein Anrecht – und genauso haben dies meine Mitmenschen.

Auch andere dürfen eine Meinung haben und die Meinungen der anderen gilt es zu respektieren. Ob eine Frau berührt werden möchte oder nicht, ist ihre – und nur ihre Entscheidung. Da hört die Freiheit des Anderen auf. Und ob ich jemandem die Hand gebe oder nicht, ist genauso eine private Entscheidung. Die Leitkultur in einer Demokratie ist nicht eine durch die Mehrheit vorgegebene Verhaltensweise, sondern viel mehr die Summe aller Ansichten und gelebten Verhaltensweisen. Es gibt nicht die Verhaltensweise wie in totalitär-theokratischen Gesellschaften. Demokratie ist nicht Diktatur der Mehrheit – auch nicht in den alltäglichen Verhaltensnormen.

Dieser Meinungspluralismus bedeutet nicht, dass ich meine Meinung nicht vertreten und für meine Sichtweise argumentieren darf. Wenn ich das Verweigern des Händeschütteln für läppisch halte, darf ich diese Meinung offen kundgeben, dafür Argumente bringen, sogar aktiv für diese Sichtweise plädieren. Die Freiheit des anderen jedoch, für sich selbst zu entscheiden und das Händeschütteln dennoch abzulehnen, muss ein Grundrecht sein. Denn Selbstbestimmung ist ein Fundament der Demokratie.

Wenn ihr hier lebt, müsst ihr wichtige Rituale lernen.“2

Dieser Satz kommt nicht etwa von der ISIS oder den Taliban, sondern von Bernard Gertsch, dem obersten Schweizer Schulleiter. Mit solchen Orwellschen „Doppeldenk“ ist Gertsch nicht allein. Die fast fanatisch-religiös anmutenden Forderungen in den Online-Foren und Kommentarspalten, den Schwimmunterricht für Mädchen obligatorisch zu machen, zeigen, wie wenig Demokratie und Pluralismus verstanden werden und was unsere Gesellschaftsform – in Theorie – von Totalitären unterscheidet.

Wiki schreibt zum Totalitarismus:

Totalitarismus bezeichnet in der Politikwissenschaft eine diktatorische Form von Herrschaft, die […] in alle sozialen Verhältnisse hinein zu wirken strebt, oft verbunden mit dem Anspruch, einen „neuen Menschen“ gemäß einer bestimmten Ideologie zu formen.3

Gertsch im Interview:

Unser Ziel als Schule ist aber klar die Integration. Und dazu gehört, dass sich die Schüler an unsere Rituale halten. Rituale stellen Verbindlichkeit her. 2

In anderen Worten, der oberste Schulleiter der Schweiz möchte aus den Schülern neue Menschen gemäss einer bestimmten Ideologie formen. Dabei ist das Wort Rituale besonders problematisch. Was Gertsch u.U. ausdrücken wollte – und wohl eher den Errungenschaften der Aufklärung entspräche – wäre, „ … und dazu gehört, dass die SchülerInnen unsere Umgangsformen kennenlernen, unsere Ansichten bezüglich Gleichstellung von Mann und Frau, die Prinzipien der Demokratie sowie die in unserem Rechtssystem geltenden Verbindlichkeiten.“ Der zentrale Unterschied zu totalitären Gesellschaften ist ja gerade die Selbstbestimmung des Einzelnen. Wir schreiben nicht vor – wir formen nicht gemäss einer Ideologie –, wir erklären, zeigen auf, machen verschiedene Sichtweisen verständlich. Integration ist nicht Gleichschaltung. Die Entscheidung, wie weit sich jemand gesellschaftlich und kulturell einpasst, ist in einer offenen Gesellschaft dem Individuum überlassen – bis auf die Rahmenbedingungen, und das sind die Gesetze, nicht allgemein gebräuchliche Umgangsformen. Die Entscheidungsmöglichkeit des Einzelnen ist der fundamentale Unterschied zum Totalitarismus.

Wenn von Integration gesprochen wird, ist meist Unterordnung gemeint. Falls dies nicht geschieht, wird eine Desintegration angestrebt:

Es gibt auch strenggläubige Juden, welche ähnliche Regeln wie die Muslime haben.
Ja, aber die sind dann konsequent. Wenn sie sich den Regeln in unserer Schulen nicht unterwerfen können, schicken sie ihre Kinder in orthodoxe jüdische Schulen.”4
Lilo Lätzsch, Sekundarlehrerin und Präsidentin des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbandes

Schulen haben Regeln (Hausordnung), doch das sind keine Gesetze und schon gar keine Verfassungsparagraphen. Eine Schulordnung, die übergeordnetem Recht widerspricht, ist ungültig. Was zur Religionsfreiheit gehört (übergeordnetes Recht!) und was nicht, ist sicher zu einem gewissen Grade debattierbar, dass verfassungsmässig garantierte Freiheiten Werte der offenen Gesellschaften sind und blinder Gehorsam Eigenschaft von Totalitären, sollte dem aufgeklärten, abendländischen Bürger jedoch hinlänglich bekannt sein. Integrationsprogramme für Menschen mit Migrationshintergrund aus Staaten, die totalitäre Aspekte aufweisen und der Errungenschaften der Aufklärung nicht kundig sind, sollten insbesondere die Idee unserer Freiheiten vermitteln: Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, etc., und der Respekt und Toleranz gegenüber Andersdenkenden und deren Lebensführung. Denn Lebensführung ist Privatsache – soweit keine verfassungsmässigen Grundrechte verletzt werden. Händeschütteln oder Schwimmunterricht sind aber wahrlich keine Grundrechte, sondern lediglich allgemeine Umgangsformen resp. Erziehungsprogramme.

Welche Farbe hat der Regenbogen? Grün, richtig. Blau, richtig. Gelb, richtig.

Die Schule soll uns zu mündigen BürgerInnen erziehen und die Art und Weise, wie der Staat von Jugendlichen empfunden wird, hängt fest mit der Art und Weise des Schulalltags zusammen. Die Schule als Repräsentantin des Staates kann sich autoritär oder interaktiv zeigen, Unterordnung oder Kooperation als wegweisende Verhaltensmodi vermitteln, Gehorsam oder Verständnis als Werte hochhalten. Das Verhältnis zum Staat wird massgebend in der Schule geprägt. Hier werden Werte vermittelt und so wird später der Staat gesehen. Werde ich als Schülerin, als Schüler als Subjekt wahrgenommen oder muss ich einfach Anweisungen befolgen? Ist meine Meinung respektiert oder muss ich mich blind anpassen? Es ist daher von entscheidender Wichtigkeit, unsere Werte richtig und authentisch zu vermitteln und das ist nur möglich, wenn wir sie leben. Wie sollen Kinder Respekt von Andersdenkenden lernen, wenn ihre eigenen Gedanken ignoriert, ja verachtet werden? Richtig-falsch Denken ist dual, Pluralismus differenziert. Der Regenbogen ist ein Bouquet von Farben!

Es ist zu hoffen, dass, in einer Zeit, in der 40% unserer Gesellschaft die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz in Frage stellen, unsere Grundwerte wieder verstanden werden, jene Werte, die uns von totalitären Staatsformen unterscheiden, jene Werte, die uns Rechtsstaatlichkeit gebracht und Staatswillkür abgeschafft haben, die unsere Freiheiten garantieren und gegenseitigen Respekt ermöglichen. Jene Werte, die für das Überleben der Menschheit im dritten Jahrtausend unumgänglich sind.

PS: Ein Afghanischer Flüchtling auf Lesvos hat mir erzählt, dass, nachdem er sich rasiert hatte, die Taliban ihm mit der Todesstrafe drohte. Ein Schüler, der einer Lehrerin den Händedruck verweigert, soll von der Schule fliegen?5

Nur im Ausmass sind wir anders.


4Lilo Lätzsch, Sekundarlehrerin und Präsidentin des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbandes im Interview mit dem TA, http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/region/Vater-verweigerte-Haendedruck-Etwas-anderes-stoerte-mehr/story/16523434

5„Wie würden Sie auf eine Handschlagverweigerung eines muslimischen Schülers reagieren?“

„Zuerst würde ich das Gespräch mit dem Schüler suchen und ihm auch erklären, wie die Regeln in meiner Klasse sind. Wenn dies nicht ausreicht, würde ich mit seinen Eltern reden. Wenn das ebenfalls erfolglos bliebe, müsste ich wohl einen Ausschluss des Schülers aus meiner Klasse ins Auge fassen.“, ibid.

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2 thoughts on “Echte Werte

  1. Um von den Verbrechen der Machteliten, der Medien, der Politiker abzulenken wurde von den westlichen Geheimdiensten mit 9/11 auch das Feindbild Muslime/Islam aufgebaut und seither von unseren Medien erfolgreich umgesetzt. Dazu werden Diskussionen über den Islam ausgelöst und jede kleinste Banalität, Muslime betreffend, ist wollkommen um sie masslos aufzubauschen. Errungenschaften der Aufklärung werden dabei ebenso missachtet wie Differenziertheit und Verhältnismässigkeit.

    Jedoch – Wie obiger Kommentar ganz offensichtlich zeigt: Eigenschaften wie Vernunft, Gesunder Menschenverstand und Empathie sind weiterhin existent. Man kann es auch Weisheit nennen. Trotz massivster Propaganda und Gehirnwäsche, trotz grassierende Unterwürfigkeit, Konformität und Opportunität.

    Herzlichen Dank Thierry Blanc

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  2. So liebe Kinder (Pubertierende), Ihr habt also alles versucht für Eure Adoleszenz-Rebellion? Zerrissene Jeans, Piercing in allen Körperteilen, Joint im Pausenhof, Ladendiebstahl, etc. aber nichts hat gefruchtet, keiner hat sich empört. Weder die Lehrkräfte noch die Eltern noch sonst wen hat es gekümmert. Alle hatten einfach nur Verständnis und haben Euch wohlmeinend gelassen?

    Kein Grund zur Panik! Es gibt sie noch, die Schock-Handlung. Das haut sogar den verständnisvollsten Gutmenschen aus den Socken. Da ist Euch Aufmerksamkeit gewiss.
    Das Zauberwort heisst:
    fundamentalistischer Islam!

    Einfach der Lehrerin den Händedruck verweigern und die IS auf facebook liken, dann ist die Kacke am Dampfen, dann habt Ihr das ganz grosse Tohuwabohu. Und wenn die Diskussion losgeht, dann legt einfach noch einen drauf: „Meine Tochter werde ich nie in den Schwimmunterricht gehen lassen!“

    Ich garantier’s Euch. Wenn Ihr Euch den zwei heiligen Geboten der Schweiz – Händeschütteln und Schwimmunterricht – widersetzt, könnt Ihr Eure Adoleszenz-Rebellion so richtig ausleben.

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