TA Propaganda im Schatten der Trump Wahl …

Nun simuliert der Tagesanzeiger (TA)  Trumpsche Faktenfreiheit. Im Artikel «Den Westen wird es unter Trump nicht mehr geben» – News International: Amerika interviewt Dominique Eigenmann den Politikwissenschafter Herfried Münkler.

Auf die Frage, was die Wahl von Trump für Europa bedeutet, meint der Befragte:

Wir Europäer werden in Zukunft nicht mehr so einfach der sicherheitspolitische Kostgänger der USA sein können.

Mit der NATO-Osterweiterung, dem Hauptproblem der derzeitigen Krise mit Russland, wurde die Atomkriegsuhr auf drei Minuten vor 12 gestellt. Die Ukraine wurde (mit über 5 Milliarden) von den USA destabilisiert. Libyen, das vorher die Migration nach Europa unterbunden hat,  wurde zum “failed state”; der Krieg in Syrien, eine Folge des Irak-Krieges, hat Millionen von Flüchtlingen produziert, wovon ca. 1.5 Millionen nach Europa kamen. Die Sanktionen gegen Russland Milliardenverluste zur Folge. Der Irak-Krieg hat die Gefahren von Terrorismus vervielfacht.

Inwieweit Europa unter diesen Gegebenheiten “Kostgänger” der US Politik sein soll, ist mir schleierhaft.

[…]Falls Trumps Aussenpolitik so isolationistisch wird […], wird das aber nichts weniger als das Ende der USA als Weltpolizist nach sich ziehen.

Wäre das schlimm?
Ich hielte das für ausgesprochen besorgniserregend.

Hier reit sich der Artikel in eine Gruppe von Artikeln ein, die — entgegen jeglicher Vernunft — 1. die USA als Weltpolizisten sehen (siehe unten), und 2. diese Rolle sogar befürworten. Trump setzt mit seiner Faktenfreiheit wohl einen neuen Standard …

Weiter fragt Eigenmann:

Amerika hat die freie Welt als Ordnungsmacht angeführt, aber auch Werte von Freiheit und Demokratie verbreitet. Hat es auch damit ein Ende?

Obwohl ich aus stilistischen Gründen ein “Geht’s noch?” oder “aber hallo” niemals gebrauchen würde, wäre es hier wohl mehr als angebracht! Denn gleich vier falsche Prämissen in einem Satz einzubetten, muss schon fast als Leistung angesehen werden:

  1. Nicht Amerika, die USA. Amerika ist ein Kontinent, die USA sind – mit Verlaub – der ‘Trump’ unter den Staaten — schon seit langem …
  2. Der Ausdruck “die freie Welt” wäre wohl für die blockfreien Staaten zu verwenden, aber sicher nicht für das atlantische Bündnis, das seit dem 2. Weltkrieg unter der Führung und Fuchtel der USA Kriege gegen all jene führt, die Befehle von Washington nicht akzeptieren. (Stichwort “regime change” und Angriffskriege, i.e. Vietnam, Irak 1 und 2, Afghanistan, etc.)
  3. Dass die USA “Werte von Freiheit und Demokratie verbreitet[en]”, glaubt aber auch nur ein Fakten-resistenter Geschichtsverdreher. Ob Irak mit oder ohne ISIS, Libyen, Afghanistan, oder all die südamerikanischen Diktaturen wie Chile unter Pinochet, Guatemala nach dem Sturz von Arbenz, Brasilien von 1964 bis 1985, Iran unter dem Schah, etc. — all diese Länder haben durch die jeweiligen US Interventionen nicht einen Hauch von Demokratie und Freiheit  erhalten, sondern schlicht das Gegenteil: Freie Staaten wurden durch von den USA ausgewählten Diktatoren in ein Elend gestürzt, dass seinesgleichen in der Weltgeschichte sucht.(cf. das hervorragende Werk von Armin Wertz, Die Weltbeherrscher)
  4. Ordnungsmacht? What we say, goes ist das Paradigma der US-Aussenpolitik — der Pate duldet keine Widerrede. Mafia-Don wäre daher wohl der bessere Term, das Gebaren der US-Aussenpolitik zu beschreiben. Denn eine Ordnungsmacht, ein Polizist, ist den Gesetzen und der Gewaltenteilung unterworfen, und dies ist die UNO und das Internationale Recht. Dass die USA u.a. bezüglich Irak-Krieg 2003 die UNO als irrelevant¹ bezeichneten und das einzige Land weltweit sind, das je für Terrorismus verurteilt² wurde, i.e. sich keinen Deut um internationales Recht scheren,  sind nur zwei Punkte in der langen Liste der Folge von ‘unilateral actions’. Dieses Konzept des einseitigen Vorgehens halten die USA für ein Grundrecht — entgegen jeglicher Idee von internationalen Übereinkünften.
    Wer Vorherrschaft als Grundrecht sieht und internationales Recht verachtet, ist keine Ordnungsmacht, sondern ein Gangster.

Doch es bleibt nicht bei solchen Verzerrungen, Münkler doppelt nach:

Wenn Mächte zweiten und dritten Ranges nicht mehr fürchten müssen, vom Weltpolizisten USA eins auf die Finger zu bekommen, wenn sie die Hand auf einen Nachbarn legen, dann werden sie sich auch nicht mehr zurückhalten.

Hat dieser Professor jemals schon von internationalem Recht und der UNO gehört? Das Land, das Hand auf einen Nachbarn legt und sich nie zurückhält, auch wenn dieser Nachbar nicht einmal ein Nachbar ist, sind die USA. So geschehen im illegalen Angriffskrieg gegen den Irak, in Afghanistan, Libyen, Jemen und mit der Einmischung in Syrien — um lediglich neuere Angriffskriege zu nennen. Wir müssen fast fragen, ob sich der Professor in einem Parallel-Universum befindet, das dem unsrigen nur in den Namen der Länder ähnelt.

Wenn Eigenmann fragt “Ist Angela Merkel nun Trumps Antipodin? Die neue Führerin der freien Welt?” könnte alternativ gefragt werden, Wird uns die AfD von allen Weltübeln befreien? Die Absurdität, dem “Pudel Washingtons” diesen Titel (nb: Führerin, nicht Anführerin, aber dies ist vielleicht ein Tippfehler …) auch nur theoretisch zuzugestehen, grenzt schlicht an Absurdität, hat diese Frau doch niemals Washington auch nur in Frage gestellt (Westerwelles Nein zum Libyen Einsatz war das Maximum), geschweige denn Paroli geboten — auch nicht, als bekannt wurde, dass ihr Handy abgehört wurde.

Was wir im TA in den letzten Tagen zu lesen bekommen haben, ist eine Abwandlung von Naomi Kleins ‘shock doctrine‘: Im Zuge des Trump-Schocks werden dem Leser_in unterschwellig politische Ausrichtungen als negativ oder positiv verkauft, indem sie mit Trumps Wahlsieg in Verbindung gebracht werden. In einfachen Worten:

Was Trump will, ist schlecht. Trump will X, daher ist X schlecht. Y ist gegen Trump (wahr oder falsch), daher ist Y Retter der freien Welt.

Trumps Wahlkampf polemisierte massiv und unter der Gürtellinie. Doch häufig hatten die Schlagworte auf einer tieferen Ebene einen wahren Kern. Wahlfälschung ist tatsächlich existent, Freihandel ist für die US Mittelschicht katastrophal, Hillary’s Email Skandal ist weit schlimmer als es die Demokraten wahrhaben wollten, etc.

I.a.W. Trump verunglimpfte mit seiner Kampagne die Schlagworte echter Kritik, indem durch ihn die Kritik als Trumpsche Schlammschlacht verbrämt wurde. Wer dennoch ein solches Thema aufgreift, wird als Trump Befürworter gebrandmarkt und braucht nicht mehr  angehört zu werden. So kann tatsächliche Kritik unterbunden werden.

Der TA scheint das Spiel von links-liberaler Fassade und neoliberalem (pro-NATO) Kern perfekt zu beherrschen. Wir dürfen gespannt sein, was uns denn noch alles als “anti-Trump” verkauft werden wird.

 

 

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2 thoughts on “TA Propaganda im Schatten der Trump Wahl …

  1. „Der Rechtshistoriker und Soziologe Eugen Rosenstock-Huessy erklärte in einem Vortrag, die nationalsozialistische Revolution sei der Versuch der Deutschen, Hölderlins Traum zu verwirklichen und der Historiker und Professor für Klassische Philologie Felix Jacoby, ebenfalls Jude, verglich in einer Vorlesung Adolf Hitler mit dem römischen Kaiser Augustus. Sie taten dies nicht aus Furcht vor Verfolgung, sondern freiwillig, aus voller Überzeugung“ (Alois Prinz „Hannah Arendt“).
    Als die beiden, noch heute hochangesehenen, deutschen, jüdischen Wissenschaftler aus den Fittichen ihres Führers Adolf Hitler unter die Fittiche der Führung USA flohen resp. wechselten oder schlüpften, war das von ihnen mitverschuldete, Unheil angerichtet.

    Unsere orientierungslosen westlichen Eliten der Wirtschaft, der Medien, der Politik, der Universitäten, der Kirchen sowie der übrigen Institutionen und Organisationen, auch von „Friedens-„ und „Menschenrechts-organisationen“ und Gewerkschaften (Weitgehend alle mit Universitätsabschluss!); diese Eliten haben die Zivilbevölkerung auch mit dem 1. und 2. Weltkrieg in Leid, Elend und Tod getrieben oder dazu geschwiegen d.h. zugestimmt. Adolf Hitler wird von diesen, unseren Eliten heute nicht verachtet weil er ein Unmensch resp. Bestie war, sondern deshalb, weil er den Krieg verloren hatte. Sehr eindrücklich und wissenschaftlich erläutert Arno Gruen dies in „Dem Leben entfremdet„ oder „Der Fremde in uns„.

    „Die Basis unserer „Hochkultur“ ist das Bestreben, die Welt im Griff zu haben, sie zu besitzen, zu beherrschen und gleichzeitig für Mechanismen zu sorgen, die eine Verleugnung und Verschleierung dieser Motivation bewirken“ (Arno Gruen)

    Danke Therry Blanc für Ihren ausgezeichneten Artikel

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  2. Der einseitig transatlantisch, natoorientiert, proisraelisch und antimuslimisch ausgerichtete „links-liberale“ Tages-Anzeiger unterscheidet sich ideologisch herzlich wenig vom Gedankengut des rechtsextremen Professors Herfried Münkler der Humboldt-Universität in Berlin.

    Eine andere Einstellung vertritt offensichtlich ein Grossteil der Studentenschaft der Humboldt-Universität in Berlin. Sie will sich nicht Mundtot machen lassen und ist offensichtlich mit der „rechten und teilweise offen menschenfeindlichen Haltung“ von drei ihrer Professoren nicht glücklich. Einer darunter ist Herfried Münkler.

    “Die Positionen Münklers kritisiert die FRIV als „nationalistisch und militaristisch“. Er fordere in seinem 2015 erschienenen Buch “Macht in der Mitte” „eine Transformation Deutschlands vom ‘Zahlmeister’ hin zum ‘Zuchtmeister’ Europas“ und bezeichne „Deutschland als ‚Hege-mon‘“. Außerdem „relativierte er in der Süddeutschen Zeitung die deutsche Schuld am Ersten Weltkrieg“, verharmlose in Interviews Giftgas als „eher ‚humane‘ Waffe“ und legitimiere Drohnenangriffe”

    Siehe: Widerstand gegen rechte Professoren an der Humboldt-Universität
    http://www.kritisches-netzwerk.de/forum/widerstand-gegen-rechte-professoren-der-humboldt-universitaet-waechst

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