FAZ-Deutsch oder wie ich etwas sage, ohne es auszusprechen.

Auch wenn die Medien besonnener berichteten als auch schon in solchen Fällen, der Terror des Westens gegen den Nahen Osten der letzten hundert Jahre wird mit keinem Wort thematisiert. Im Gegenteil, die Wortwahl der hier analysierten Artikel enthält implizit die Idee des „Kampfes der Kulturen“ anstatt die grösseren Zusammenhänge zu beleuchten, die islamistischen Terrorismus erst entstehen liessen. Auch finden wir suggestive Formulierungen und die Instrumentalisierung des Ereignisses.

Ohne den Terror des Westens – insbesondere dem Irak Krieg 2003 – gäbe es keinen Islamischen Staat und nur einen Bruchteil des gegenwärtigen Terrors. Wenn die AfD von Merkels Toten spricht, hat sie Unrecht in Bezug auf die Flüchtlingskrise, doch die Toten sind wohl die Folge einer neoliberalen Wirtschaftspolitik und einer imperialen Weltordnung angeführt durch die USA, die beide von Frau Merkel willig unterstützt werden.[1]

Wir lesen wir in der FAZ:

Bei allem Kitsch und Kommerz breiteten sie [die Weihnachtsmärkte] eine Stimmung aus, die einer Gegenwelt des Terrorkriegs entspringt, der dem Westen mit solchen Attentaten erklärt wird.[2]

Es braucht schon etwas Verklärung (oder einen Glühwein zuviel), um den Weihnachtsmarkt als Gegenwelt des Terrorkrieges zu sehen. Die Gegenwelt zum Terror, das sind die Aktivist_innen, die die Flüchtlinge (i.e. Opfer des Terrors) willkommen heissen und ihnen eine neue Heimat geben und dabei echte christliche Werte (Lukas 10,10 – 10,24) vorleben. Die künstliche Idylle eines Weihnachtsmarktes – trotz allem Kitsch und Kommerz –- lässt sich jedoch gut dazu nutzen, eigene Friedlichkeit zu suggerieren, die fremder Aggression ausgesetzt ist.

Verschwinden lässt der Satz ausserdem die grundlegende Frage: Wurde dem Westen der Krieg erklärt oder hat der Westen den Krieg angefangen? Die angebliche Opferrolle wird gar nicht erst hinterfragt?[3] Die Aggressionen des Westens in den letzten hundert Jahren gegen den “Nahen Osten” – von Sykes-Picot über den Sturz des Schas im Iran und dem 1991/2003 Irak Krieg bis zum Syrienkrieg – sollten auch in der Weihnachtszeit nicht vergessen werden.

Kann noch jemand so einfach sagen: Frohe Weihnacht?2

Damit beschwört der Autor den Kampf der Kulturen, den Krieg der Religionen: Sie nehmen uns Weihnachten weg! Auch wenn es sich herausstellen sollte, dass es ein geplanter Terrorakt war und nicht die Tat eines einzelnen Wahnsinnigen, in welchem Verhältnis stünde diese Tat zum Kontrollzentrum in Ramstein[4], über welches die Drohnenangriffe von Afghanistan bis Jemen gesteuert werden? Angesichts dessen, dass 1.147 Menschen sterben mussten, damit 41 Terrorverdächtige ausgeschaltet werden konnten, dass Hochzeiten bombardiert, Kinder gesprengt und Helfer zerfetzt wurden, kann da noch jemand so einfach sagen: Frohe Weihnacht?

Wenn wir alle muslimischen Flüchtlinge in den gleichen Topf werfen und als erhöhtes Risiko sehen, wie sollen die Afghanen, Jemeniten, Pakistaner, deren Angehörige Opfer von Drohnen wurden, Deutschland sehen, das ein Ramstein auf seinem Staatsgebiet duldet?

Die Sicherheitsbehörden werden sich früher oder später wieder mit Messengerdiensten befassen müssen und mit der Frage, wie diese und andere Kommunikationsdienste bei konkreten Anhaltspunkten entschlüsselt, kontrolliert und überwacht werden können.[5]

Wie immer ertönt in solchen Fällen früher oder später wieder der Ruf nach mehr Überwachung, mehr Polizei, mehr Kontrolle, etc. Dabei ist eindeutig, dass Überwachung den Terror nicht verhindern kann. Weder die NSA noch der französische Geheimdienst konnten Nizza verhindern. Die Frage nach den Ursachen, den grösseren Zusammenhängen, wird dabei übersehen und verdrängt.

[…] dass der islamistische Terrorismus die Flüchtlingswelle genutzt hätte, um Tod, Panik und Streit nach Deutschland zu tragen, was Politik und Sicherheitsbehörden zunächst verneint oder wenigstens für unwahrscheinlich erklärt hatten, obwohl das schon dem gesunden Menschenverstand widerspricht.[6]

Die Perfidität dieses Satzes des FAZ Herausgeber Berthold Kohler liegt hier darin, dass er etwas suggeriert, aber nicht ausspricht. Er prangert das Schönreden und Verharmlosen von Zuständen und Vorkommnissen an, wirft der Bundesregierung Kontrollverlust über die Massen während der Flüchtlingskrise 2015 vor, lässt aber die Konsequenz, i.e. Grenzschliessung, im Raum stehen. Dass Terroristen als Flüchtlinge getarnt nach Europa kommen könnten, wird niemand mit gesunden Menschenverstand verleugnen, doch deshalb die Grenzen zu schliessen, ist ein Fehlschluss. Die Absurdität sollte jedem klar werden, der bedenkt, wie viele Spione während Kriegszeiten in feindliche Länder geschleust werden. Auch wenn allen Flüchtlingen der Eintritt verwehrt werden würde, Terroristen fänden dennoch einen Weg. Der Terror kann es auch ohne Flüchtlingswelle, seit 9/11 sollte dies allen bekannt sein …

Die schlussendliche Instrumentalisierung des Ereignisses bringt Kohler am Schluss. Der freie Westen gegen die Bedrohung von aussen braucht gemeinsame Antworten:

Am Ende des Annus horribilis 2016 ist allerdings auch die Sorge nicht unberechtigt, dass der freie Westen auf dem Höhepunkt seiner Erfolge zur Freude seiner Feinde zerfällt – weil er auf eine Reihe von Herausforderungen und Bedrohungen, ob sie vom russischen Neoimperialismus, dem islamistischen Terrorismus, der Flüchtlingskrise oder von anderen Kehrseiten der Globalisierung ausgehen, keine gemeinsamen Antworten mehr findet.[7]

Amerikanischen Imperialismus, Deutsche Waffenexporte, US-Terrorismus[8], Armutsverbreitung, Entdemokratisierung, Umweltzerstörung und andere Kehrseiten der Globalisierung sieht Kohler wohl als den Höhepunkt der Erfolge des freien Westens

Grenzen setzen und wohl auch schliessen möchte Jasper von Altenbockum:

Wir setzen Grenzen.[5]

Dieses Fazit könnte die CDU zum neuen Credo erheben. Die neoliberale Grenzöffnung („wir schaffen das“ heisst übersetzt „viele billige Arbeitskräfte für die Deutsche Wirtschaft“[9]) verbrämte die rechten Wähler_innen. Bis zu den Wahlen 2017 muss die CDU daher ihr Image korrigiert haben. Der Anschlag gibt die Möglichkeit einer deutlichen Kurskorrektur, um die Wähler_innen, die nach rechts abgedriftet sind, wieder heimzuholen. Die FAZ bereitet uns geistig darauf vor.

Es geht auch anders. Jürgen Kaube warnt vor Pauschalisierung:

Anders Breivik war kein Muslim, in Nordirland wurde jahrzehntelang gebombt, ohne dass hierzulande Nordiren um ihren Ruf zu fürchten hatten,[…][10]

Und bemerkt richtig:

Es gibt keine “Kriegserklärung” aus solchen Ländern an die westliche Welt.

Es war der Westen, der dem Nahen Osten[11] den Krieg erklärt hat – mehrfach.

1Während US Interventionen (Angriffskriege) den Terrorismus direkt produzieren, fördert neoliberale Politik deutsche Exporte von Waffen, die in Kriegsgebieten zum Einsatz kommen. Zumindest aus moralischer Sicht (Karma) besteht daher ein Zusammenhang zwischen neoliberaler Wirtschaftspolitik (Waffenexport) und terroristischen Anschlägen.

3Selbstverständlich sind die getöteten Zivilisten – die Menschen – Opfer. Der Westen als Ganzes als Opfer darzustellen zeugt von bescheidenem historischen Bewusstsein.

8Der Angriffskrieg 2003 gegen den Irak, das Drohnenprogramm, Libyen, die Bewaffnung von Terrorgruppen in Syrien, um nur einige Aktionen der USA zu nennen, die als Terror oder Unterstützung von Terror bezeichnet werden müssen.

11Der Nahe Osten steht hier stellvertretend für das Gebiet von Libyen bis Afghanistan.

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