Fünf Jahre Journal21 – doch wo ist der Qualitätsjournalismus?

Von einer guten Zeitung erwarte ich Hintergrund-Informationen, Zusammenhänge und eine kritische Haltung gegenüber den allgemeinen Geschehnissen — so wie z.b. in diesem Artikel zur Ukraine-Krise.

Diese Erwartung erfüllt Journal21 leider nur in Ausnahmen1. Mit Weltpolizist USA– ja gern (Daniel Woker), Der NSA-Skandal: ein Zielkonflikt, (Jörg Thalmann), zu Putins Trolle sind nicht nachhaltig (Reinhard Meier) finden sich eine grosse Zahl von Artikeln, deren journalistische Arbeit darin besteht, die USA in einem positiven Licht erscheinen zu lassen. Fakten und historische Richtigkeit sind dabei von untergeordneter Bedeutung.

Weltpolizist USA– ja gern

Falschaussagen in Nebensätze zu verpacken, ist ein geeignetes Mittel, etwas zu suggerieren ohne dass der Lesende aufhorcht. So schreibt Daniel Woker “Zum Auftakt 1950 der Koreakrieg, an dessen Wurzel eindeutig nordkoreanische Agression stand, tatkräftig unterstützt vom neuen kommunistischen Schreckensregime im China von Mao.”2 Einerseits ist Aussage “eindeutig nordkoreanische Aggression gewagt. Denn die Frage ist historisch nicht eben nicht eindeutig geklärt3. Andrerseits gibt es zum Koreakrieg eine Vorgeschichte, in der die USA mit grosser Brutalität gegen die lokale Bevölkerung vorging, was 100’000 Tote zur Folge hatte.4

Was Woker jedoch in seinem Artikel völlig weglässt, sind die von den USA begangenen massiven Kriegsverbrechen der USA. Dazu gehören u.a. Napalm-Abwurf auf zivile Dörfer5 oder die Zerstörung von Dämmen zur Erzeugung einer Hungersnot6. Wie üblich schöpfte der „Weltpolizist“ sein Gewaltmonopol voll aus…

Dass Herr Woker mit einer derartiger Darstellung im Grunde genommen Geschichtsklitterung7 begeht, ist mit den offiziellen Idealen von Journal21 schwer in Einklang zu bringen.

Der NSA-Skandal: ein Zielkonflikt

Jörg Thalman brachte es fertig, die Spionageaktivitäten der NSA als etwas Positives darzustellen. Mit geschickter Rhetorik und einem Abgang (“Obama sollte Snwoden danken), der dem Artikel einen links-kritischen Anstrich zu geben versucht, streut uns Herr Thalmann Sand in die Augen. Würde Russland oder China derart spionieren, würden wir über Freiheiten belehrt werden, über Privatsphäre, Bürgerrechte, Unschuldsvermutung und vieles mehr. Doch im Falle der USA ist alles anders. Die USA müssen halt — so schmerzlich es ist — gegen Terror in der Welt vorgehen und uns deshalb ausspionieren. Geflissentlich übersah Herr Thalmann, dass US-Terror im letzten Jahrzehnt in Irak eine Million Todesopfer forderte — weit mehr als alle möglicherweise verhinderten Anschläge zusammen. Wäre es den USA ernst mit Terrorbekämpfung, dann würde zuerst der eigene Terror reduziert.

Geradezu Orwellsch mutet die Aussage an, dass die Überwachung tatsächlich nur der Terrorbekämpfung diene. Wirtschaftsspionage und Machterhaltung als Gründe für Überwachung sind aus der amerikanisch-verklärten Ideologie, Exponent der Freiheit zu sein(“city on the hill“), natürlich nicht erkennbar. Mit rhetorischer Brillanz streut Thalmann mit seinen Fragen Zweifel, appelliert an unsere Ängste, und suggeriert, dass uns die Überwachung schlussendlich schützt und beschützt. Dies ist im besten Falle persönliche Meinung, nüchtern betrachtet das Salutieren eines US-Gesslerschen Hutes.

Putins Trolle sind nicht nachhaltig

Kann ein Regime mit manipulativen Methoden, staatlich finanzierten internationalen Sendern und andern mit viel Geld finanzierten PR-Methoden die Weltöffentlichkeit nachhaltig zu seinen Gunsten beeinflussen fragt Reinhard Meier in obengenanntem Artikel. Die Möglichkeit, dass die USA die Medien beeinflussen, scheint für Herrn Meier gar nicht zu existieren, obwohl US Medienmanipulationen in Grösse, Ressourcen und Reichweite im Sicherheit grösser sind.8Anstatt tatsächliche Hintergrund-Informationen zu liefern, russische Medienmanipulation mit der US Medienmanipulation zu vergleichen, bleibt der Artikel einseitig und tendenziös. Automatische Filter, die prorussische Kommentare herausfiltern, was nichts anderes als Zensur bedeutet, werden befürwortet.

So reiht das Gros der Artikel von Journal21 leider in die lange Reihe der „Mainstream Artikel“ ein, die anstelle von echtem Qualitätsjournalismus mit etwas oberflächlicher Kritik sich journalistischen Anstrich geben, um die proamerikanische Perspektive für Europäer_innen (oder Schweizer_innen) schmackhaft zu machen.

***

1Ausnahmen bilden sicherlich Helmut Scheben und Carlo Strenger

2Das Typo „Agression“ steht tatsächlich so im Artikel, zweimal

3cf. Bruce Cumings, The Origins of the Korean War

4“When US forces entered Korea in 1945, they dispersed the local popular government, consisting primarily of antifascists who resisted the Japanese, and inaugurated a brutal repression, using Japanese fascist police and Koreans who had collaborated with them during the Japanese occupation. About 100,000 people were murdered in South Korea prior to what we call the Korean War, including 30-40,000 killed during the suppression of a peasant revolt in one small region, Cheju Island.” Noam Chomky, quoted in http://www.globalresearch.ca/the-korean-atrocity-forgotten-us-war-crimes-and-crimes-against-humanity/5335525

5A New York Times reporter, George Barrett, described the scene in a North Korean village after it was captured by UN forces in February 1951:“A napalm raid hit the village three or four days ago when the Chinese were holding up the advance, and nowhere in the village have they buried the dead because there is nobody left to do so. This correspondent came across one old women, the only one who seemed to be left alive, dazedly hanging up some clothes in a blackened courtyard filled with the bodies of four members of her family. The inhabitants throughout the village and in the fields were caught and killed and kept the exact postures they had held when the napalm struck — a man about to get on his bicycle, fifty boys and girls playing in an orphanage, a housewife strangely unmarked, holding in her hand a page torn from a Sears Roebuck catalogue crayoned at Mail Order No. 3,811,294 for a $2.98 ‘bewitching bed jacket — coral.’ There must be almost two hundred dead in the tiny hamlet.”

6„By the fall of 1952, there were no effective targets left for US planes to hit. Every significant town, city and industrial area in North Korea had already been bombed. In the spring of 1953, the Air Force targeted irrigation dams on the Yalu River, both to destroy the North Korean rice crop and to pressure the Chinese, who would have to supply more food aid to the North. Five reservoirs were hit, flooding thousands of acres of farmland, inundating whole towns and laying waste to the essential food source for millions of North Koreans.10 Only emergency assistance from China, the USSR, and other socialist countries prevented widespread famine.“, Charles Armstrong, http://www.japanfocus.org/-charles_k_-armstrong/3460/article.html

7„Geschichtsklitterung ist ein pejorativer Begriff für eine Geschichtsdarstellung, die für unvollständig, einseitig und/oder (absichtlich oder unabsichtlich) verfälschend gehalten wird.“[Hervorhebung angefügt],Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsf%C3%A4lschung

8cf. Manufacturing Consent, Edward Herman; Noam Chomsky,

 

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One thought on “Fünf Jahre Journal21 – doch wo ist der Qualitätsjournalismus?

  1. Dieser Artikel – sowohl als Ganzes als auch auch nur ein Link – wurden von Journal21 als Kommentar nicht veröffentlicht. Der Troll-Filter scheint zu funktionieren …

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